Die Kindergeschichten vom Raben Klaus:
Pssst will fliegen lernen
“Ähm. Ich. Also. Fliegen. Ja. … Ich hab keine Ahnung. Es geht einfach. Also ich musste schon ein wenig üben zu Anfang. Mit meinem Papa hab ich geübt. Aber das ging ganz schnell und ganz einfach. Einfach so. Ist mir wohl angeboren. Warum fragst du?”
Der kleine Rabe Klaus schaute seinen viel größeren und dickeren Freund, den Waldeisbären Pssst, mit großen, fragenden Augen an.
“Also ich dachte, wo wir doch so dicke Kumpel sind, vielleicht kannst du mir das auch beibringen!”
“Was soll ich dir beibringen? Das mit dem Fliegen? Biste irre?”
Der kleine Rabe Klaus konnte es kaum glauben, was Pssst ihm da vorschlug.
“Wie willst DU denn fliegen? Du bist doch ein Waldeisbär und kein Vogel!”
“Aber vielleicht kann ich das auch? Vielleicht können Waldeisbären auch fliegen! Es hat nur noch kein Bär ausprobiert. Oder hast du schon mal von einem Bären gehört, der es versucht hätte?”
“Nee, hab ich noch nicht gehört” antwortete der verdutzte Rabe. Und er stellte sich vor, wie es aussieht, wenn am Himmel ein dicker Bär vorbeifliegt. Dabei bekam er einen Lachanfall.
“Also meinetwegen. Warum eigentlich nicht. Aber auf deine Verantwortung, Pssst.”
“Ja klar. Kann ja nix passieren. Ich bin doch kräftig gebaut. Also! Was muss ich machen?”
“Na mit deinen Flügeln auf und abschlagen.” Der Rabe Klaus schaute Pssst an, als wäre es die normalste Sache der Welt.
“Ach so. Mist. Du hast ja gar keine Flügel.” sagte der kleine Rabe kurz darauf.
Beide standen grübelnd da und überlegten, was zu tun war.
“Pass auf. Ich nehm einfach zwei große Blätter von einer Palme und benutze die als Flügel. Was hälst du davon, Klaus?”
“Von einer Palme? Soso. Siehst du hier irgendwo in unserem Wald eine Palme? Ich sehe nur Tannenbäume, Birken, Eichen und alle möglichen anderen Sträucher und Kräuter. Aber keine einzige Palme.” Der kleine Rabe Klaus schüttelte nur den Kopf über so viel Unwissenheit seines großen Freundes.
“Stimmt. Da hast du Recht. Da hab ich gar nicht dran gedacht, dass es hier gar keine Palmen gibt.” Und wieder grübelten die beiden vor sich hin, was Pssst als Flügel benutzen könnte.
“Weißt du was? Ich nehm einfach zwei große Äste von dem Baum da hinten. Der hat ganz viele Blätter. Damit wird es auch gehen.” sagte Pssst.
“Meinetwegen,” entgegnete der wenig überzeugte Klaus, “versuchen wir es.”
Pssst brach mit lautem Knacken zwei ziemlich große Äste ab und probierte, ob sie in etwa der Länge seiner Arme entsprachen.
Dann suchten sie einen passenden Baum, von dem aus er zu seinem ersten Flug starten konnte.
“Wollen wir nicht erstmal auf dem Boden üben?” wandte der immer noch skeptische Rabe Klaus ein.
“Nö. Auf dem Boden ist doch langweilig.” entschied Pssst, der heute ganz offensichtlich seinen verwegenen Tag erwischt hatte. So mutig ist er selten, dachte Klaus leise.
Schnell fanden sie einen Baum, der in etwa drei Meter Höhe einen kräftigen Ast hatte, auf den sich Pssst auch stellen konnte.
“Hilfste mir mal hoch!?” forderte der Waldeisbär seinen kleinen, gefiederten Freund auf.
“Biste irre? Wie soll ICH dir denn auf den Baum helfen?” Klaus schüttelte nur noch den Kopf.
“Ich dachte ja nur. Dann muss ich es eben allein probieren.” Und so quälte sich Pssst mit dem hohen Baum ab und versuchte hinauf zu klettern. Nach endlosen Mühen und vielen Anläufen gelang es ihm endlich tatsächlich auf den Ast zu gelangen. Und da stand er nun und schwankte leicht vor und zurück. Er sah nun nicht mehr ganz so optimistisch aus – und auch ziemlich albern mit den beiden Ästen an seinen Armen.
“So. Was muss ich jetzt machen, Klaus? Los sag schon. Du hast es doch auch gelernt.”
“Ja. Aber ich bin auch ein Vogel.” brabbelte Klaus leise vor sich hin. Er traute sich nicht seinem Freund zu sagen, dass es seiner Meinung nach unmöglich war, dass Bären fliegen könnten.
“Du musst mit den Flügeln schlagen – bzw. mit den komischen Ästen die du da um deine Arme gebunden hast – und dich dann abstoßen. Und dann fliegst du. Also ich meine: dann fliegt ein Vogel. Einfach so.”
Klaus ahnte, was passieren würde.
Pssst wedelte wie wild mit den selbst gebauten Flügeln. Er ging tief in die Hocke und stieß sich plötzlich wild nach oben ab und hopste vom Ast.
U N D … fiel wie ein Felsbrocken hinab. Er sauste mit einer Affengeschwindigkeit Richtung Erde und – BOINGGGGG – landete mit den Füßen zuerst in der Erde. Nicht einfach AUF der Erde. Nein! IN der Erde. Er steckte bis zu den Oberschenkeln im Waldboden. Und kam nicht mehr heraus.
“Mist. Hilf mir, Klaus.” jammerte Pssst verlegen.
“Wie soll ich denn helfen?”
“Weiß ich auch nicht. Zieh einfach an mir, damit ich hier aus der Erde komme.” Und wie wild begann der kleine Rabe an seinem großen Freund zu ziehen und zu zerren.
“Au. Das tut weh. Pass doch auf!” brüllte der Waldeisbär.
“Entschuldigung. Aber du hast doch gesagt, ich soll an dir ziehen!”
Beide merkten, dass es so nichts wurde.
“Du musst meinen Papa holen, glaub ich.” forderte Pssst den Raben Klaus auf.
“Und was soll ich ihm sagen? Das du im Erdboben feststeckst, weil du fliegen wolltest?”
“Naja. Musst ihm ja nicht gleich erzählen, dass ich versucht habe zu fliegen. Das erzähl ich ihm dann später beim Abendbrot.”
Und schwups war Klaus weg um den Eisbärenpapa zu holen. Kurze Zeit später war dieser am Unfallort. Er staunte, sagte aber nichts weiter und zog seinen Sohn aus der Erde.
“Alles klar mein Junge?”
“Yepp. Mir gehts prima. Danke, Papa!”
“Gern geschehen. Wollt ihr mir vielleicht erzählen, wie das passiert ist?”
Klaus und Pssst schauten sich verlegen an und beschlossen dann, dass es wohl das Beste wäre, dem Papa alles zu erzählen.
Am Ende der Geschichte, als er erfuhr wie Pssst plötzlich in der Erde steckte, hatte der Bärenpapa Tränen in den Augen vor Lachen. Er konnte sich den Bauch kaum halten, so sehr lachte er. Und Pssst und Klaus konnten nicht anders und mussten einfach hemmungslos mitlachen.
So endet die Geschichte von dem Versuch des Waldeisbären Pssst das Fliegen zu lernen. Er beschloss, es nie wieder zu versuchen. Bären können einfach nicht fliegen. Sie sind viel zu schwer und ihnen fehlen die Flügel.

