Die Kindergeschichten vom Raben Klaus:
“Wie Pssst in den Zeh gebissen wurde und der Rabe Klaus ihm hilft den Übeltäter zur Rede zu stellen”
Ich erzähle meinem fast dreijährigen Sohn Rouven jeden Abend eine Geschichte vom Raben Klaus. Das gehört zu unserem Abend-Ritual und macht mir mittlerweile richtig Spaß.
Darin geht es immer um kleine, meist alltägliche Abenteuer, die der kleine Rabe und sein bester Freund, der Waldeisbär Pssst, erleben. Beide leben in einem Wald, sind noch jung und neugierig.
Diese Geschichten bereiten meinem Sohn große Freude und wir, die ganze Familie, haben Klaus, Pssst und ihre vielen Freunde (die hier und dort in den Geschichten auftauchen) schon richtig lieb gewonnen.
Nach und nach werde ich einige dieser Geschichten nun auch hier im Blog posten. Vielleicht möchte der ein oder andere sie seinem Kind vor dem Einschlafen vorlesen. Ich freue mich über jedes Kind, jeden Papa, jede Mama, jede Oma, jeden Opa oder jede Tante, die auch Freude an den Geschichten vom Raben Klaus hat.
Und nun genug der langen Vorrede. Hier kommt die allererste Geschichte:
“Hey. Pssst! Kommste mit baden?” rief der kleine Rabe Klaus in die Bärenhöhle hinein.
“Biste irre?! Warum brüllst du so? Ich bin doch nicht taub.” brummte der junge Waldeisbär, der von seinen Eltern den seltsamen Namen Pssst erhalten hatte, in Richtung des kleinen Raben, seines allerbesten Freundes.
“Komm. Lass uns zum Fluss gehen. Ich will tauchen!” rief Klaus, nun nicht mehr ganz so laut.
“Naaaa gut.” Pssst packte seine Badehose ein, sagte seiner Mama Bescheid, dass er mit Klaus schwimmen geht und trat aus der dunklen Bärenhöhle heraus.
Der Weg durch den Wald, in dem die beiden Freunde lebten, war ihnen vertraut. Sie trotteten vorbei an der riesigen alten Eiche, passierten den dunklen Pfad, der so tief in den Wald hineinführte, dass die Eltern der beiden sie regelmäßig warnten dort nicht lang zu gehen. Dann kam die große Lichtung, auf der so viele herrliche Blumen blühten und die voll war mit Bienen und Schmetterlingen in den unterschiedlichsten Farben. Und dann waren sie auch schon am Fluss. Nur noch über den Hügel, der Fluss und Wiese voneinander trennte und schon lag das Ufer des kleinen Flusses vor ihnen.
Im Sommer gingen Klaus und Pssst fast jeden Tag hierher. Sie setzen sich ans Ufer, ließen die Füße ins Wasser baumeln, blinzelten in die Sonne, die durch die hohen Bäume hindurchschimmerte. Sie aßen von den Broten, die ihnen ihre Eltern mitgegeben hatten. Sie tranken klares Wasser und träumten von den Abenteuern, die sie erleben würden wenn sie erstmal groß und erwachsen sind.
“Autsch” schrie Pssst auf einmal laut auf.
“Was ist passiert?” Der Rabe Klaus schaute seinen Freund erschrocken an. Sie saßen ganz gemütlich auf einem Stein und plötzlich hielt sich Pssst seinen dicken Zeh. Irrte sich Klaus oder kullerte Pssst gerade eine Träne aus dem linken Auge.
“Sag mal – weinst du?”
“Blödsinn.” knurrte Pssst. “Ich weine doch nicht. Aber das tut höllisch weh.”
“Was denn? Ich hab dir doch gar nichts getan!” Klaus schaute den Waldeisbären ratlos an.
“Mir hat was in den Zeh gebissen, Klaus.”
“Quatsch. Wer soll dich denn hier beißen? Ein Schmetterling vielleicht?”
“Nee. Ich hatte den Fuß doch im Wasser. Irgendwas im Wasser. DA. Schau. Dort grinst mich doch ein blöder Fisch an.”
Und tatsächlich. Ein Fischgesicht war dicht unter der Wasseroberfläche zu sehen und grinste mit breitem Maul.
“Na warte, dich krieg ich.” rief Pssst und stürzte sich in den Fluss.
Schwupp war der Fisch verschwunden und sauste davon. Pssst versuchte hinterher zu tauchen. Aber der Schnellste war er nicht.
Auch Rabe Klaus stürzte sich in die Fluten und versuchte den Fisch einzuholen.
Keine Chance. Der Fisch spielte Katz und Maus mit ihnen. Schauten sie hinter einen Stein, hinter dem sie dachten, dass er säße, flitzte er in ihrem Rücken vorbei. Tauchten sie in die eine Richtung, schoss er über ihnen vorbei. Tauchten sie in die andere Richtung, war der Fisch plötzlich hinter ihnen. Es war zum Verzweifeln.
So ging es eine ganze Weile. Dann hatte der Fisch anscheinend keine Lust mehr.
“Wartet Jungs. Wartet! Ich mag nicht mehr.”
“Was heißt hier ‘Ich mag nicht mehr’. Hier entscheide ICH wer mag und wer nicht.” Pssst war wütend.
“Ja ja – ich weiß. Du und der kleine komische pechschwarze Vogel da – ihr seid die Chefs hier im Wasser. Ich bin auch total beeindruckt, wie toll ihr hier rumtaucht.” Und schon wieder grinste er die beiden breit an.
“Aber – ich muss euch was sagen. I c h w a r s n i c h t !”
“Wie? Du warst es nicht? Du willst uns veräppeln, stimmts?” Mit misstrauischem Blick musterte Klaus den Fisch, der noch kleiner war als er selbst.
“Nee. Nur ein bisschen.” Der Fisch bekam fast einen Lachanfall. Aber Fische können ja nicht lachen. Sie würden sich sonst an dem vielen Wasser im Fluss verschlucken.
“Es war der Krebs dort hinten.” Er zeigte in die Richtung, in der Klaus und Pssst vorhin gesessen hatten.
Tatsächlich war dort ein ziemlich großer Krebs mit zwei ziemlich großen Zangen zu sehen.
“Der war das? Bist du dir ganz sicher?” wollte Pssst wissen. Sein Zeh tat ihm immer noch furchtbar weh.
“Yepp. Bin ich. Toootal sicher. Fische beißen doch keine anderen Tiere oder gar Menschen in den Zeh oder woanders hin! Habt ihr sowas schon mal gehört? Kein Fisch hier im Fluss oder da ganz hinten im Meer ist bissig. Mann o man o man. Dann machts mal gut Jungs. War lustig mit euch Fange zu spielen. Tschüüüüss.” Und schwuppst war er endgültig verschwunden.
“Hm. Und was machen wir jetzt?” fragte der kleine Rabe Klaus.
“Also weh tut mein Zeh mir immer noch.” stöhnte Pssst.
“Ich schwimm mal hin zu dem Krebs und frag ihn, was das sollte.”
Der Rabe Klaus tauchte in sicherem Abstand hinterher. Mit einem Krebs wollte er sich nun wirklich nicht einlassen.
“Hey. Krebs. Hast du mir vorhin in den Zeh gebissen?” mutig stellte Pssst den ziemlich großen Krebs zu Rede.
“Zeh? Häh? So ein haariges Ding? Widerlicher Geschmack? War das dein Zeh? Is ja widerlich. Du siehst genauso furchtbar aus wie dein Zeh schmeckt, du. Was bist du eigentlich?”
“Ich bin ein Waldeisbär. Und mein Zeh ist nicht widerlich. Und. Und. Und wenn du mir noch mal in den Zeh beißt dann… dann… dann. Dann kommt der Rabe Klaus und steckt dir einen Stein in dein Ohrloch.” plusterte sich Pssst auf. Der kleine Rabe Klaus dachte sich seinen Teil und sagte lieber nix weiter.
“In was für ein Ohrloch? Ich hab kein Ohrloch, Dummkopf. Und jetzt lass mich in Ruhe. Ich hab da auch nicht absichtlich reingebissen. Und wenn dir das hilft, dann entschuldige ich mich sogar. Also: Entschuldigung. So und jetzt lass mich in Ruhe, du Waldeisenbär.” Der Krebs drehte sich um und widmete sich wieder dem Bau seiner Unterwasserhöhle.
“Ich bin kein Waldeisenbär. Ich bin ein Waldeisbär! Meine Uroma war eine Eisbärin und mein Uropa ein Braunbär. Sie verliebten sich, heirateten und meine Uroma zog zu meinem Uropa hier in den Wald. Und ich möchte nicht, dass du dich darüber lustig machst.”
Aber der Krebs hörte schon gar nicht mehr zu.
“Lass mal Pssst. Wir gehen nachhause. Unsere Eltern warten bestimmt schon.”
Und so stiegen die beiden Freunde aus dem Wasser und machten sich auf den Heimweg um nicht zu spät zum Abendbrot zu kommen.
So endet die Geschichte vom Raben Klaus, dem Waldeisbären Pssst und der Begegnung mit dem Krebs.
Geschichte Nummer 01/2006_08

