“Ich seh nix. Was meinst du?”
“Da hinten, auf der kleinen Lichtung. Da! Hinter den drei Tannen.” Klaus zeigte mit seinem rechten Flügel nach vorn, direkt auf eine Gruppe von noch jungen Tannenbäumen.
“Da ist doch was, Pssst. Etwas, was da nicht hingehört. Das leuchtet so komisch weiß. Und es ist doch kein Winter.”
“Hmmm. Ich kann nichts sehen. Lass uns rüber gehen.” Und Pssst stapfte entschlossen los.
“Warte, Pssst. Sollten wir nicht lieber unsere Papas holen? Vielleicht ist das etwas Gefährliches und …”
Pssst war schon auf und davon. “… meine Mama hat gesagt, ich soll nichts anfassen, was ich nicht kenne.” murmelte der kleine Rabe noch ohne das Pssst ihn hören konnte.
Klaus folgte vorsichtig seinem Freund. Zügigen Schrittes näherte dieser sich den Tannenbäumen.
Pssst musste sich tief bücken, um zwischen den Tannen hindurch zu kommen. Dann standen Pssst und Klaus, der sich auch bis dahin gewagt hatte, auf einer ganz kleinen Lichtung zwischen den vielen jungen Tannen und staunten nicht schlecht, was da vor ihnen stand.
“Was ist das?” wollte Klaus erneut von Pssst wissen.
“Mhhh. Ich glaub, ich weiß was das ist. Lass mich überlegen.”
Klaus flatterte aufgeregt um das große Ding herum, dass da im Wald stand.
“Ob ich mich mal oben drauf setzen kann?” Und ohne Pssst’ Antwort abzuwarten ließ er sich auf dem großen Kasten nieder und grinste auf Pssst hinab.
“Komm da runter, Klaus. Das Ding gehört dir nicht.”
“Ja ja. Ich weiß. Aber was ist das nun?”
“Es ist weiß.” grübelte Pssst vor sich hin. Weiß wie die Berge in der Heimat meiner Vorfahren. “Es fühlt sich kühl an.”
“Stimmt. Ist mir auch schon aufgefallen.” plapperte Klaus ganz aufgeregt.
“Schau mal. Hier ist sowas wie ein Hebel oder so.” Pssst griff vorsichtig dahin.
“Soll ich mal dran ziehen?”
“Warte! Warte bis ich runter bin.” Klaus schaute ängstlich auf Pssst.
“Und was ist, wenn irgendwas Gefährliches herausspringt? Ein Waldkobold oder so.”
“Kobolde gibts nicht. Hab ich gehört.” Pssst schüttelte den Kopf und zog an dem Griff. Das Ding öffnete sich mit einem Schmatzen und kalte Luft strömte auf Pssst ein.
“Huhhhh, ist das kalt.” Schnell knallte der Waldeisbär die Tür wieder zu. “Aber verdammt angenehm.”
“Lass mich auch mal probieren” krächzste aufgeregt der kleine Rabe. Und wie wild begann er an dem Griff zu ziehen. Aber nichts passierte. Er zerrte und zog, flatterte dabei ganz wild vor dem großen Teil herum. Aber es war nichts zu machen. Die Tür ging keinen Millimeter auf.
“Soll ich noch mal?” fragte Pssst seinen kleinen, fliegenden Freund.
“Na meinetwegen.” Klaus machte Platz für ihn.
Pssst zog die Tür erneut auf und wieder strömte kühle Luft heraus.
“Was ist das?” fragte der kleine Rabe Klaus nun schon zum dritten Mal.
“Ich überlege schon die ganze Zeit. Ich hab davon schonmal gehört. Auf jeden Fall gehört das nicht hier hin.”
“K L A U U U S!!! P S S S T! Wo seid ihr?!!!”
“Ui. Mein Papa sucht uns.” stellte Pssst fest.
“Hey Jungs. Was treibt ihr hier?” Der große, muskulöse Waldeisbär zwängte sich schnaufend durch die dichten Tannen.
“Schau mal Papa, was hier steht.”
“Ach herrje. Ein Kühlschrank. Was macht der denn hier?”
“Richtig. Kühlschrank. Es lag mir auf der Zunge.” murmelte Pssst ärgerlich vor sich hin.
“Wofür ist der gut? Und warum kommt da so kühle Luft raus?” wollte der kleine Rabe Klaus wissen.
“Darin kühlen die Menschen ihre Lebensmittel. Damit sie länger haltbar sind. Eine ziemlich clevere Erfindung.” Der Papa von Pssst inspizierte den Kühlschrank von allen Seiten. “Darum kommt da auch kühle Luft raus. Die hat sich da drin wohl noch gehalten. Der steht hier noch nicht lange. Und vor allem hat der hier nun wirklich nichts zu suchen.”
Der alte Waldeisbär schaute immer ärgerlicher drein.
“Unser Wald ist doch kein Müllplatz. Es ist nicht zu fassen, wie dumm manche Menschen sind! Und außerdem: hab ich euch nicht schon tausend Mal gesagt, dass ihr nichts anfassen sollt, was ihr im Wald findet und was hier nicht hingehört?!” Nun wurde er auch noch böse auf Pssst und Klaus.
Die beiden wurden immer kleiner, zogen die Schulter ein und wollten sich am liebsten verdrücken.
“Ihr müsst mir helfen. Drückt mal die Tannen da hinten auseinander. Ich trag den Kühlschrank zurück zu den Menschen.”
Froh, etwas Sinnvolles tun zu können, schnappten sich Klaus und Pssst die zwei kleinsten Tannen und drückten sie nach rechts und links, so dass gerade genug Platz war, das der große Waldeisbär mit dem Kühlschrank da durch passte.
Er schnaufte und stöhnte, als er den Kühlschrank anhob und vor sich hertrug.
“Was machst du damit, Papa” wollte Pssst wissen.
“Ich nehm ihn jetzt auf den Rücken” erklärte der Waldeisbär, “und trage ihn dann zur Müllkippe. Das wird leider ein hartes Stück Arbeit. Aber hier kann er nicht stehen bleiben. Das ist gar nicht gut für unseren Wald! Und ihr sagt am besten unserer Mama Bescheid, dass ich erst spät nach dem Abendbrot komme. Sie soll sich keine Sorgen machen und mir was zu essen zur Seite legen.
“Gut, dass ihr den Kühlschrank so schnell entdeckt habt, Jungs.” Stolz schauten die beiden zu dem Waldeisbären hinauf.
Dann machten sie sich auf den Heimweg um Zuhause Bescheid zu geben.
Der große starke Waldeisbär stapfte mit dem Kühlschrank auf dem Rücken los Richtung Stadt und fluchte leise vor sich hin.
Geschichte Nummer 04/2006_08

