“Hach – was für ein schöner Sommertag.” sagte Pssst, der Waldeisbär und streckte seine Glieder aus. Mit halb geschlossenen Augen blinzelte er in den Himmel und träumte von einem lecker gedeckten Mittagstisch.
“Was machen die da?” fragte der kleine Rabe Klaus in die Stille hinein.
“Wer?” Pssst verspürte nicht die geringste Lust sich aufzurichten. Rabe Klaus würde ihm schon erzählen, was es zu sehen gab.
“Na die beiden Jungs da.”
“Ich sehe keine Jungs.”
“Kannst du ja auch nicht. Du liegst ja auf dem Rücken und hast die Augen zu, Pssst.”
“Stimmt. Fast. Ein bisschen offen sind die Augen noch. Ich kann zum Beispiel die eine kleine Wolke dort oben ganz genau sehen. Siehst du sie auch?”
“Ja, ich sehe sie auch. Aber ich sehe auch die beiden Jungs dort unten auf der Straße. Was tun die nur?”
“Menschenkinder gehen uns nix an, sagt mein Papa immer.” Und dabei hätte es Pssst gern bewenden lassen. Aber er kannte seinen besten Freund, den kleinen Raben Klaus, nur zu gut. Er würde keine Ruhe geben. Er war viel zu neugierig.
Die beiden lagen am Waldesrand, auf einem kleinen Hügel, von dem man wunderbar hinab ins Tal schauen konnte. Im Tal wand sich eine Straße in vielen Kurven durch die Felder bis hin zu der fernen Stadt dort hinter den Hügeln. Es war keine große Stadt. Aber immerhin: eine Stadt.
“Ich will jetzt wissen, was die beiden Jungs dort tun. Das sieht so komisch aus. Die kommen gar nicht vorwärts.” sagte der Rabe Klaus und flatterte davon. Er wusste, Pssst war kaum zum Aufstehen zu bewegen, wenn nicht etwas total Sensationelles passieren sollte. Zum Beispiel wenn sein Onkel ein neues Bienennest entdeckte. Dann gab es viel leckeren Honig für Pssst und die anderen Tier-Kinder im Wald.
Vorsichtig näherte sich der kleine Rabe der Straße. Er kreiste weit oben, damit die Kinder ihn nicht so leicht bemerken konnten. Seine Eltern hatten ihm eingeschärft, dass er sich nicht zu nah an die Menschen heranwagen sollte. Sie könnten ganz gemein werden zu kleinen Raben.
Aber von dort oben war immer noch nicht zu erkennen, was die beiden Jungs taten. Sie versuchten irgendwie vorwärts zu kommen. Das gelang aber ganz offensichtlich nicht so richtig. Es ging nur Millimeter für Millimeter voran. Und ständig diskuttierten sie miteinander.
Ob sie vielleicht ein Problem hatten? Vielleicht brauchen sie Hilfe?
Schnell flatterte der kleine Rabe Klaus zurück zum Waldrand, wo Pssst immer noch gemütlich im Schatten lag und vor sich hin döste.
“Hey, Pssst. Ich glaub, die brauchen Hilfe. Die sehen so komisch aus!”
“Wie meinst du das? Komisch!? Blutet einer? Ist jemand verletzt?” Pssst überlegte gerade, ob er sich vielleicht doch aufrichten sollte, da antwortete Klaus ganz aufgeregt: “Nein nein. Blut hab ich keines gesehen. Aber jetzt wo du es sagst. Vielleicht sollte ich etwas dichter heran und genauer schauen.”
Und schwupps war Klaus schon wieder weg. Nun deutlich zielstrebiger flatterte er wieder Richtung Straße. Diesmal war sein Sicherheitsabstand erheblich geringer. Er wagte es sogar sich auf einen kleinen Apfelbaum, der am Straßenrand stand, zu setzen. Von dort aus konnte er die Szene viel besser beobachten.
Nein, zu bluten schien niemand. Aber der kleinere von den beiden Jungs – weinte der nicht? Nur ein ganz kleines bisschen? Klaus war sich sicher: da waren ein, zwei Tränen im Augenwinkel des Jungen.
Das musste er schnell Pssst erzählen. Und – flatter flatter – war er schon wieder bei Pssst.
“Du! Der weint!”
“Wer weint?”
“Na der eine Junge.”
“Und was macht der andere?” wollte Pssst wissen.
“Der steht daneben und erzählt irgendwas. Aber ich konnte nicht verstehen was. Ich war noch zu weit weg.”
“Na dann solltest du noch ein klein wenig dichter heran. Dann erfährst du endlich worum es geht. Aber denk daran was deine Mutter dir immer sagt. Nie zu dicht…”
Aber Klaus war schon wieder auf und davon. Nun wagte er es sogar sich an den Straßenrand zu setzen, ziemlich nah an die beiden Jungs.
Beide hatten ein Fahrrad dabei. Das war ihm vorher gar nicht aufgefallen.
Der größere der beiden schob sein Fahrrad und der kleinere saß auf seinem Sattel. Aber das sah ganz schön wackelig aus.
Jetzt konnte Klaus auch verstehen, was sie miteinander sprachen.
Der Größere redete auf den Kleineren ein, dass er sich mehr anstrengen müsse. Und immer daran denken, was der Vater gesagt hatte. Und sich konzentrieren. Auf das Lenkrad und die Straße. Und das Reichtgewicht halten oder so ähnlich. Das hatte Klaus nicht so richtig mitbekommen, was der große Junge damit meinte.
Es war deutlich, der ältere war ungeduldig und hatte keine Lust mehr. Und der Kleine war am Ende mit seinen Nerven.
Der Kleinere der beiden versuchte nun den anderen zu überreden eine Pause zu machen und etwas zu trinken. Die Idee fand der andere aber doof. Er setzte sich auf sein Fahrrad und brauste einfach so davon.
Das gefiel Klaus überhaupt nicht. Man ließ seinen Freund oder Bruder doch nicht einfach so allein auf der Straße stehen.
Der Kleine schaute kurz verdutzt hinterher, zuckte mit den Achseln und legte sein Fahrrad am Straßenrand in die Wiese.
Er holte eine Wasserflasche und ein Brötchen hervor und machte es sich gemütlich.
Da bemerkte er den kleinen Raben Klaus. Klaus wurde ganz verlegen, als der Junge ihn neugierig musterte. Und als er ihm auch noch etwas zurief und ihm ein Stück von seinem Brötchen zuwarf, wurde es Klaus zu unheimlich und er verschwand ganz schnell zu Pssst.
“Da biste ja wieder. Und? Was ist passiert?”
“Der Große ist abgehauen und der Kleine macht ne Pause am Straßenrand.”
“Und? Worum gings?”
“Keine Ahnung. Der Größere meckerte die ganze Zeit und der Kleine war ganz traurig auf seinem Fahrrad. Dann haute der Große einfach ab und ließ den Kleinen zurück.”
“Klarer Fall. Die üben Fahrrad fahren.”
Der kleine Rabe Klaus war verdutzt wie schnell Pssst das Rätsel gelöst hatte. So schnell wäre er da nicht drauf gekommen.
“Aber der Kleine kann doch noch gar nicht fahren.” sagte Klaus.
“Na darum muss er ja üben. Damit er es lernt, Klaus.”
Pssst hatte sich endlich aufgerichtet. “Schau mal da runter. Ist das nicht der Kleine, der da in Schlangenlinien Richtung Stadt fährt?”
“Stimmt!” rief Klaus. “Er fährt, er fährt.” Schnell flatterte er dem Jungen hinterher und beobachtete von oben, wie er zwar noch unsicher, aber doch immer zielstrebiger und schneller in die Pedalen trat und sich der Stadt näherte. Er lernte es. Ganz allein. Ohne dass sein Bruder ihn ständig belehrte.
Glücklich flog Klaus zurück zum Waldesrand.
“Du hast Recht Pssst. Er hats gelernt! Ganz allein!” schrie der kleine Rabe Klaus in die sommerliche Ruhe hinein.
Zufrieden blinzelte nun auch Klaus in die Sonne.
So endet für heute diese Geschichte vom Raben Klaus und seinem Freund, dem Waldeisbären Pssst.
Geschichte Nummer 02/2006_08